Als Ratte hat man es wirklich nicht einfach. Ungefähr sechs verschiedene Räder präsentieren sich mir zur Zeit gleichzeitig in dem platzmäßig doch sehr begrenzten Käfig meines Lebens. Manchmal weniger, meistens eher mehr. Neben sozialen und privaten Obligationen die jede Menge Zeit fressen, muss man noch nebenbei noch das Rad auf dem „ARBEIT“ steht bedienen. Hinzu kommen gleich mehrere Räder die mit „UNI“ beschriftet sind. Hier will so einiges erledigt werden. Referate, Teilklausuren, Protokolle, Kompaktseminare und so weiter. Brauchen viele Umdrehungen. Und ich hab nur vier Beine.

Aber da gibt es ein Rad das ist …anders. Quasi das schwarze Schaf der Familie. Das ist ganz futuristisch angestrichen, hinten kommt ein fettes Glasfaserkabel raus und oben tickt ein Timer runter der noch bis Sonntag zu laufen scheint. Das Rad muss bewegt werden. Egal wie rum man läuft, hat man immer einen Bildschirm vor der Nase. Schwierige Begriffe werden einem da nahe gelegt: Präsenzsitzung, Personal Learning Environments, digitales Lern- und Wissensmanagement, Konnektivismus, MOOC, SOOC und E-learning 2.0, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Die Laborratte ist überfordert. Skepsis ist angesagt.

Nun ja. Die Frage die sich mir stellt ist: Können Anstrich, Kabel und Bildschirm verbergen – oder gar verändern – was es in seinem Kern ist, nämlich einfach nur ein Laufrad?

In gewisser weise geht es im Artikel „E-Learning 2.0“ von Stephen Downes auch um diese Thema. Hier zeichnet er die Entwicklung des E-learnings nach, welche sich parallel mit der Entwicklung des Internets und der Totgeburt des Web 2.0 vollzogen haben soll. Obwohl ich der englischen Sprache durchaus sehr mächtig bin, blicke ich zugegebenermaßen nicht alles durch was er schreibt. Muss ich auch nicht finde ich. Dafür sind ja Bildungswissenschaftler wie er da. Aber so einige Dinge die er dort vom Stapel lässt, besonders einige (wie mir scheint) für allgemeingültig erklärte Sätze oder Thesen lassen mich doch stutzen. Außerdem ist der Artikel ja nunmehr schon gute acht Jahre alt, und einige der Dinge haben sich schlicht nicht bewahrheitet oder stehen, trotz prophezeiter Entwicklung der E-learning-Kultur, immer noch aus.

Er wurde ja schon groß angekündigt dass ich keine allzu hohe Meinung von einem Kurskonzept wie diesem SOOC habe und auch plane, das über die kursbildenden Kommunikationskanäle (wie z.B. dieser Blog) kund zu tun. Obwohl von anderen, selbstgerechten Teilnehmern des Kurses schon im Vorfeld ausführlich bemängelt, glaube ich doch, dass eine grundkritische Auseinandersetzung mit dem Thema besser ist, als das Spiel bloß mitzuspielen und völlig losgelöst die Kursanforderungen zu erfüllen, wozu ich auch ohne Probleme im Stande wäre. Doch dabei bilde ich mir nicht ein, dass meine eigene Meinung, die ja rein empirisch ist und ausschließlich auf meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen beruht, in irgendeiner Weise der Weisheit letzter Schluss wäre, oder gar bildungswissenschaftlich solide wäre.  Dies hier sind lediglich meine eigenen Ansichten und sie sollten auch als solche gewertet werden. Und ich bin durchaus bereit diese in Frage zu stellen und zu ändern, sollte mich der Verlauf dieses Kurses dazu bewegen. Wir werden ja sehen.

Nun zum Text. Wie schon oben gesagt, werde ich mich auf einige der (in meinen Augen) Kernpunkte stürzen die Stephen Downes anführt. Ich glaube sowieso, dass eine Analyse des Textes nicht Sinn der Sache ist. Im Text findet man Perlen wie Folgende:

In learning, these trends are manifest in what is sometimes called „learner-centered“ or „student-centered“ design. This is more than just adapting for different learning styles or allowing the user to change the font size and background color; it is the placing of the control of learning itself into the hands of the learner. [Hervorherbung d. mich]

Ganz schlechte Idee finde ich. Wann hat das jemals funktioniert? Tatsächlich ist dies meiner Meinung nach nicht nur online eine Schnapsidee. Warscheinlich mussten nicht alle Leute das gleiche Minenfeld experimenteller Pädagogie in der gymnasialen Oberstufe durchlaufen wie ich, aber schon damals, das war 2007, war das ein hochgelobtes Konzept. Nannte sich SELGO. Selbstständiges Lernen Gymnasialer Oberstufe. Ein königlicher Reinfall. Hat nicht funktioniert. Die Idee war, im Falle einer ausfallenden Schulstunde (wg. Krankheit des Lehrers oder aus anderen Gründen) die Schüler sich selbst verantwortlich zu machen sodass die Stunde nicht komplett ausfällt und ins Leere läuft. Dabei sollte der ausfallende Lehrer schon im Vorfeld Aufgaben auswählen die dann den Schülern in der SELGO-Stunde von einem anderen Lehrer vorgestellt wurden. Nach der Vorstellung der Aufgaben verschwand der Lehrer wieder, der hatte schließlich selbst Unterricht zu geben, und von den Oberstufenschülern wurde erwartet, diese Aufgaben in der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit zu bearbeiten. In der Theorie ein ganz rosiges Konzept. Da gewinnen ja alle! Weniger (auf dem Papier) ausfallende Stunden, weniger Bedarf an Vertetungslehrern (€€€ sparen) und gleichzeitge Schulung der Eigenverantwortlichkeit der Schüler. Prima!? Nein. Jede zweite Fehlstunde fiel auch nach Einführung des SELGO-Konzepts aus. In den Stunden, die tatsächlich mit SELGO bedacht wurden, kam dann die Hälfte der Zeit kein Lehrer mit Aufgaben. Wenn dann mal einer kam waren die Aufgaben entweder willkürlich gewählt, viel zu schwer oder viel zu leicht. Anwesenheit wurde selbstredend nicht kontrolliert, sodass die meisten Schüler – trotz SELGO – frei oder blau machten. Die gestellten Aufgaben wurden auch nur selten überhaupt noch einmal im regulären Untrerricht aufgegriffen.

Ich frage mich nun, warum ein ähnliches Verfahren, dass die Verantwortung des Wissenserwerbs in ähnlicher Weise auf die Studenten auslagert, nun auf einmal ein gewinnbringendes Konzept sein soll. Ich bin wirklich der Meinung, dass diese Art von Kurs, in die traditionellen Bildungsinstituitonen eingebettet, kein Weg ist, klassische Lehrformen zu ersetzen. Die Eigenverantwortlichkeit der Schüler/Studenten reicht einfach nicht soweit. Es gibt ja gute Gründe warum es in Deutschland eine Schulpflicht gibt. Weil die Schüler aus eigenem Antrieb kaum erscheinen würden. Dafür fehlt der breiten Masse in dem Alter einfach die Perspektive. Und, wie man dem Wehklagen der sophitizierteren Kursteilnehmer entnehmen kann sieht die Situation an einer deutschen Universität nicht zwangsweise anders aus. Die Menschen wissen kaum worauf sie sich einlassen in so einem Kurs. Der Antrieb der allermeisten Teilnehmer (Ausnahmen bestätigen die Regel) liegt keineswegs in der eigenständigen, und eigenveratwortlichen Wissensaggregation sondern im Erwerb eines Scheins. So traurig das auch ist. Ich glaube nicht, das MOOCs (auch gerne Massive and Often Obstuse Course genannt) mittelfristig an dieser Mentalität etwas ändern werden oder können. Denn das MOOC-System ist fast das komplette Gegenteil von dem was otto-normale Menschen unter dem Begriff „Bildung“ zu verstehen gelernt haben. Hierzu später eventuell noch ein paar Sätze.

Es geht weiter im Text:

The changing demographics of the student population and the more consumer/client-centered culture in today’s society have provided a climate where the use of student-centered learning is thriving“. Learning is characterized not only by greater autonomy for the learner, but also a greater emphasis on active learning, with creation, communication and participation playing key roles, and on changing roles for the teacher, indeed, even a collapse of the distinction between teacher and student altogether. [Hervorherbung d. mich]

Ein ähnlicher Punkt wird hier angesprochen, zu der wachsenden Autonomität habe ich mich ja bereits geäußert. Aber besonders den „Kollaps der Unerscheidung zwischen Lehrer und Schüler“ finde ich äußerst interessant und auch hier muss ich nochmal exemplarisch auf die niederakademische Welt der Schulen verweisen. Unter den wahnsinnig vielfältigen Materialangeboten, Lehrformen, Unterrichtsprinzipien uvm. ist es oft schwer zu filtern, was wirklich Hand und Fuß hat und in der Realität des Klassenraums Verbesserungen bringt. Ein Akademiker hat sich ausführlich, im Rahmen von 50000 Einzelstudien die insgesamt mehr als 250 Millionen Schüler spannen, mit dieser Thematik beschäftigt und eingehendst untersucht, was hilft und was nicht. Dieser Mann, er ist Neuseeländer, heißt John Hattie. Seine Studie, die Hattie-Studie, sorgte vor einiger Zeit für ein Raumen in der Welt der Pädagogik. Warum? Kurz gefasst, sofern das bei einer so gigantischen Datensammlung noch möglich ist, belegen seine Studien dass das allermeiste was an pädagogischen Konzepten praktiziert wird, ganz egal ob Gruppenarbeit, freier Unterricht, oder, oder, oder, kaum einen nennenswerten positiven Effekt auf den tatsächlichen, messbaren Lernerfolg der Schüler hat.

Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk auf den Kompetenzen des Lehrers und die Hauptverantwortung für den Erfolg der ihm anvertrauten Schüler ruht auf seiner Schulter (generisches Maskulinum, für Alle, die sich ausgeschlossen fühlen).

Hier ein Aussschnitt aus dem ZEIT-Artikel über die Hattie Studie:

Ja, die Studie behandelt Schüler und nicht Studenten, und ja, Programme zur Leseförderung sind an einer Uni hoffentlich nicht mehr nötig. Trotzalledem: Inwieweit glauben wir, verändert sich der Prozess des Lehrens und Lernens von den Grund- und weiterführenden Schulen bis zur Universität, dass all diese Punkte plötzlich an Relevanz verlieren? Wieso wollen wir (überaus)offene und Web-basierte Lehrformen propagieren wenn diese erwiesenermaßen keinen Effekt haben? Ich verstehe das nicht. Aber ich muss und will ja trotz meiner subjektiv gefärbten Brille auch fair bleiben. Ist ein MOOC zwingend schlecht weil er anders funktioniert? Sicherlich nicht. Ist er gut, weil er anders funktioniert? Genauso wenig.

Auch wenn das sich doof anhört: Ich merke an mir selber das zumindest die Dinge die ich oben bemängle auf mich zutreffen. Ich merke einfach das ich nicht gut funktioniere, das der Student in mir nicht gut funktioniert unter diesen Umständen. Ich (persönlich) brauche jemanden vor mir der mir sagt was Sache ist, der mir Fristen nennt und von mir Leistungen fordert. Mit meiner wischi-waschi-Selbstdisziplin zum eigenständigen Wissenerwerb über vernetzte Blogs komme ich nicht weit. Da reicht schon ein Blick auf die 83 ungelesen Beiträge aus dem Blog-Aggregator um mir die Lust an diesem Projekt zu nehmen. Und noch eine Sache. Das ganz „Gefühl“ von Universität, von einem belegten Kurs, von Anwesenheit und Teilnahme, von Leistungserbringung… all das geht hier in der WordPress-Maske, in der ich diese Zeilen tippe, verloren. In dem ausgezeichneten Artikel über MOOCs des online-technologie-Magazins TheVerge habe ich folgendes gelesen und es drückt dieses Gefühl bzw. das fehlen eben Jenes sehr gut aus:

It’s not even remotely like a real class. In no way did the rudimentary quizzes and forum discussions substitute for having to write papers, participate in class discussions or sections, swap information and notes with fellow students, talk with profs and / or TAs — all of the things that amount to supplying concrete proof, to teachers and to yourself, that you’ve learned something specific from your studies.

Ich weiß auch, dass ich nicht für die Allgemeinheit der Studierenden sprechen kann. Sicherlich gibt es genug Leute die mit genug Willen und Lerntrieb ausgerüstet sind um ihre Bildung selbst in die Hand nehmen zu können. Hierzu zähle ich wie beretis gesagt nicht, und ich vermute, dass es noch vielen anderen so geht.

Der Artikel schneidet weiterhin einen wie ich finde sehr wichtigen Punkt zum Theme MOOCs an: die Kostenfrage. Das Internet ist günstig, Räume und Dozenten nicht. Es macht, grade auch ob des enormen Interesse an MOOCs (Teilnehmerzahlen gehen ja gewöhnlich in die Tausende, so hört man), ökonomisch sehr, sehr viel Sinn ganze Kurse auszulagern. Grade für Massenveranstaltungen wie „Mathematik I“ o.Ä., die jedes Semester von unzählbaren Scharen belegt werden wollen oder müssen, ist Selbstüberantwortung der Studierenden und die maschinelle Abfertigung wie in der Großschlachterei ein Konzept dass den Kassenwärtern von Bund, Ländern und Universitäten die Augen leuchten lässt (ich verweise hier auch nochmal an SELGO). Aber es wirft auch Probleme auf. Ein enorm charakterisierender Teil des Bildungsprozesses wird dabei gestrichen. Die so wertvolle, physiche, Interaktion mit dem Lehrer (Hattie) aber auch mit Kommilitonen und Tutoren fällt einfach weg.

Aber es gibt eine Kehrseite zu jeder Medaille: Dadurch das MOOCs verhältnismäßig sehr günstig zu unterhalten und quasi ohne Teilnehmerlimit sind, öffnen sie für finanzielle schwache Schichten der Gesellschaft, aber auch in Schwellenländern, in denen Bildung ein begehrtes Gut ist, gänzlich neue Türen. Durch MOOCs wird es möglich gemacht, tausende Menschen mit Bildung (Qualität eben jener außen vor) zu erreichen, und davor ziehe ich meinen Hut.

Was uns, in wohlhabenden, westlichen Ländern, droht, ist aus meiner Perspektive aber dann folgendes (ein Zitat aus dem TheVerge-Artikel):

We fear that two classes of universities will be created: one, well-funded colleges and universities in which privileged students get their own real professor; the other, financially stressed private and public universities in which students watch … videotaped lectures and interact … with a professor that this model of education has turned into a glorified teaching assistant.

Wir sollten uns des Privilegs höherer Bildung, die noch auf die althergebrachte Weise von Statten geht, immer bewusst sein und sie nutzen, solange wir dazu die Gelegenheit haben. Ich bin schon davon überzeugt das diese Art des Lehren und Lernens uns nicht ewig erhalten bleiben wird, und dass in der Zukunft vieles davon auf elektronische Wege ausgelagert werden wird.

Die Frage ist nur, sind MOOCs der Weg, den es zu gehen gilt?

 
 
 

PS: Kann ich mir das hier für mehr als einen Beitrag anrechnen lasssen? 😉

 

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