Wie angekündigt möchte ich gerne noch auf ein weiteres Problem eingehen. Wie ebenfalls gesagt, sind die Probleme absolut subjektiver Art und ich beanspruche auch nicht, diese überhaupt zum ersten Mal aufzuschreiben oder als erster vom sooc diese Probleme anzusprechen. Aber dennoch möchte ich diese Probleme, die ich empfinde, ein wenig sammeln.

Unmittelbarkeit. Was ich darunter verstehe wird hoffentlich im Laufe des Artikels klar.

Ich skezziere folgendes Szenario: Ich stehe im Idealfall um kurz nach 6 auf (in der Regel leider nicht), fahre um 7:58 mit der UX1 zum AR-Campus und gehe beispielsweise in das Seminar „Lehrerprofessionalität und -persönlichkeit“. Weiter gehts mit diversen anderen Vorlesungen und Seminaren, in manchen bin ich aufmerksam, in anderen natürlicherweise nicht. Gegen 12 besuche ich die ausgezeichnete Mensa am AR oder die etwas schlechtere am ENC, gegen 16 Uhr fahr ich nach Heim, trinke erst mal Kaffee und setze mich später nochmal an Algebra-Hausaufgaben oder eine Referatsvorbereitung über ein mehr oder weniger spannendes Thema, wobei ich mir per moodle erst mal noch das Thema raussuchen muss. Ich hol mein Smartphone raus, checke den Plan für abends, den wir während einer langweiligen Vorlesung per WhatsApp geplant haben. Facebook berichtet über die Nichtigkeiten des Alltags meiner Freunde (wovon ich die meisten auch tatsächlich im RL kenne und schätze). SpiegelOnline überflutet mich mit den Neuigkeiten des Tages … wobei, das meiste kenne ich schon aus besagter Vorlesung. Der Abend geht, die Nacht kommt. Ein Tag ist rum.

So ungefähr verläuft ein absolut standardisierter Tag. Durch sooc kommt allerdings eine weitere Komponente hinzu. Der Kurs findet einerseits nicht in einem realen, sondern in einem virtuellen Raum statt. Andererseits findet er auch zu keiner festgelegten Zeit statt. Dieser Raum überschneidet sich massiv mit dem, was außerhalb der Uni Teil meines Erlebensraumes ist. Diese Zeit kennt keine Grenzen. Das ist ja erstmal nicht verwerflich, so soll das ja auch genau sein.

Die Thematik und Problematik des „Immer-erreichbar-seins“ wurde schon oft diskutiert und spielt in diese Thematik mit hinein. Was ich festgestellt habe und was mich beunruhigt ist, dass es mir ohne halbwegs feste gesetzte Grenzen schwerfällt, mich gedanklich von Unistoff zu lösen. Zur Illustation:

Uni: Aus besagtem Lerhereprofessionalitätskurs gehe ich raus, schließe die Kurstür hinter mir und habe dann die Möglichkeit, die Gedanken daran zu beenden. Oft will ich das nicht sofort, der Kurs inkl. der Dozentin ist echt gewinnbringend. Aber ich habe die Möglichkeit. Ebenso in anderen Kursen. Die Leistung, auf die es nun mal ankommt (vgl. sooclis Beitrag oder die Diskussion hier), wird hauptsächlich in dem Seminar selbst abgeleistet oder in einer Klausur zu einem festgelegten Zeitpunkt oder in einer Ausarbeitung (die auch wiederum in sich selbst begrenzt ist). Die Kurse sind begrenzt und die Möglichkeit der Auseinandersetzung ist es auch.

Sooc: Der Sooc hat keine Grenzen und auch die für den Schein benötigte Leistungsanforderung ist nicht wirklich klar (mir zumindest). Durch Twitter und den eigenen Blog ist man ständig in irgendeiner Art und Weise verbunden. Gestern Abend war ich bei einer Veranstaltung, die mit ELearning ungefähr so viel zu tun hatte wie eine Ratte mit … der Mondlandung. Also nichts. Und trotzdem musste ich ab und an daran denken, dass ich ja gerade in dem Augenblick irgendwas schreiben könnte, dass ich irgendwie verfügbar sein könnte. Und das ungewollt. Es stellt sich eine schwache Art der mentalen Abhängigkeit ein, die mir absolut nicht gefällt. Und die ich auch bei anderen Kursen nicht beobachten konnte. Und das meine meine ich mit Unmittelbarkeit. Es steht kein Unigebäude, kein Tisch, keine Uhrzeit, nichts zwischen mir und dem Kurs, deren Teilnehmern, der Partizipation daran. Soziale Netzwerke, Twitter und co. sind ja kaum als Hürde zu betrachten. Und selbst wenn ich wollte und das ganze auf ein absolutes Minimum beschränken würde (also nur PLE und Twitter-Experiment), könnte ich mich schlecht gedanklich davon lösen. Und selbst wenn ich das will, würde es mir gelingen? Schon so verschlingt der sooc mehr Zeit als ich ihm eigentlich geben möchte. Und das finde ich in gewissem Maße beunruhigend und auch gefährlich.

Ich hoffe, ich hab mich bis hierhin verständlich ausgedrückt und klargemacht, was diesen Artikel hervorgerufen hat. Und ich hoffe auch, dass ich nicht der einzige bin, dem es so geht.

Ein anderes Phänomen, das ebenso mit der Unmittelbarkeit zusammenhängt, möchte ich nur noch kurz anreißen. Als zukünftiger Lehrer und auch aus Sicht der Gastgeberinnen finde ich es extrem schwierig, eine Ausgewogenheit zwischen Distanz und Ansprechbarkeit zu wahren. Das mag in diesem Kontext noch nicht schlimm sein. Anja Lorenz und Co. nehmen diese Distanzlosigkeit ja  bewusst in Kauf bzw. haben sich von vornherein (so scheint es) darauf eingestellt. Das ist ok und hier auch ganz praktisch (auch wenn ich immer noch unsicher bin ob ich duzen oder Siezen oder was auch immer soll… scheint auch irgendwie egal zu sein). Im Hinblick auf die Schule scheint mir das jedoch echt bedenklich zu sein. Da kann es dann sehr leicht sein, dass eine gesunde Lehrer-Schüler-Distanz, die im Idealfall recht ausgewogen sein sollte, flöten geht. … nur mal zum drüber nachdenken 😉

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